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Es sind nicht die Muskeln, auf die es ankommt! -
Eindrücke aus dem Beginn meines Ju Jitsu Trainings.
Kill Bill, Matrix, Hero, oder besser Romeo must die, das würde es besser beschreiben. Erste Trainingseinheit. „Buddha, steh mir bei!“ Die Sehnen brennen wie Glühdrähte. Die Kniescheiben sind irgendwo. Dabei wärmen wir erst auf. Fünfzehn Minuten sind vergangen nachdem ich die Begrüßungsverbeugung hinter mich gebracht hatte, aber was habe ich erwartet? Pensionisten-Stretching? Hier herrscht jedoch etwas mehr an Temple Style: 1500 Jahre Beschleunigung von Geist und Knochen. Tiefe Hocke, ein Bein weggestreckt. Extrem seitlich. Sohle am Boden, in die Dehnung hinein. Seitenwechsel, anderes Bein. Wippen verboten! Wieder hoch. Grätsche. Seitendehnung. Nacken- und Armrotation. Faust und Handkante: Go on, faster! „Worauf habe ich mich hier bloß eingelassen?“ Immer schön lächeln und sich nichts anmerken lassen, habe ich jedenfalls aus den Filmen gelernt, also werde ich mich besser daran halten – „Und lösen! Zur Schmalseite der Matten“, sagt eine kräftige Stimme. Der Meister leitet nun das eigentliche Training mit Fall- und Rollschule ein. Die erste halbe Stunde ist geschafft.
Fallschule und die ersten Grundübungen. Eine dreiviertel Stunde mache ich nichts anderes, in einem kleinen Kreis von Anfängern, die sich am Mattenrand von den anderen separiert haben. Überall wird an ausgereiften Hebeln, Würfen und Schlägen gearbeitet, so dass es mir schon anders wird, wenn ich nur hinschaue. Meist in Partnerübungen oder Kleingruppen. Konzentriert und ohne viel zu reden. Ohne Hektik. Hier sind Leute am Werk, die offenbar mehr im Sinn haben als ästhetische Schnellschüsse. Die meisten in weißen oder schwarzen „Gi’s“, wie man mir später sagt, die traditionelle Trainingskleidung die man aus dem Judo kennt. Ich habe mich für meinen blauen Trainingsanzug entschieden, aber die anderen sehen eindeutig besser aus in diesem Dojo: ein hoher, langer Raum, in Wirklichkeit ist es ein Turnsaal mit einer endlosen Reihe heller Fenster die in den grünen Hof weisen. Warmes Licht aus großen Lampen. Die matten sind weich beim darüber gehen, aber mein ganzer Körper spürt nichts davon, wahrscheinlich mache ich noch irgend etwas falsch beim ständigen auf den Boden Fallen. Die Rollen sehen beim Meister so geschmeidig aus, obwohl er sie nur am harten Boden vorzeigt. Hat der keine Knochen? Ich spüre jedenfalls mehr als ich habe.
Endlich der Meister zeigt erbarmen. Wir machen etwas anderes. Befreiungstechniken von Handgelenk, Revers, Umklammerungen und Angriffe mit Faust und Beinen gilt es zu entkommen, sowie Gegenmaßnahmen durchzusetzen. Endlich liegt auch mal mein Trainingspartner am Boden. Aufgewischt hat man mit mir ja heute schon genug. Doch dann: „Scheiße! Will der mich killen? Der würgt mich ja echt!“ Aber nur kurz und zur Demonstration, um zu zeigen, dass es sich hierbei um einen Angriff auf Leben und Gesundheit handelt. Trainiert wird ja dann, Gott sei Dank, anders!
Nun übe ich, bis ein zweifaches Klatschen und des Meisters Ruf ertönt: Randori! 30Schüler in Zweiergruppen. Zu allem bereit. Der Meister erklärt für uns Anfänger noch in einigen Worten, dass wir jetzt in 3 Minuten Serien freien Kampf üben werden. Am Boden, im Stehen und reines Schlag-Randori. Keine Frage, hier bin ich völlig überfordert. Daran muss sich mein Ego erst gewöhnen. Mehr Chi, sagt er mit Nachdruck. Wir fighten härter. Wir holen alles heraus. 4o Sit-ups hinterher, dann etwas Stretching und Entspannungsübungen. Schlussformation. Kniesitz, gegenüber der Meister. Verabschiedungsverbeugung. Wie ich mich fühle? Interessanterweise nicht ausgepowert. Mehr das Gegenteil – angekurbelt, aber deutlich in die Grenzen verwiesen. Der ganze Raum füllt sich mit Applaus, dann tragen alle noch schnell die Tatami-Matten aus dem Saal. Endlich duschen, und dann noch mit den anderen beim Chinesen ums Eck ein kühles Blondes und die Fastenspeise des Buddha einwerfen. Ich bin high auf dem Weg zur U-Bahn. Ein „Kampfmönch“ nach dem ersten Training. Am nächsten Morgen kann ich nur im Liegen Zähne putzen.
Kill Bill. Muskelkater ist mein erster Feind. Ein wahres Monster komplexer Schmerzen. Jeder wird davon berichten, der mit Kampfsport beginnt. Nach dem dritten Training will ich das Handtuch werfen. Schon der Druck der Klobrille auf die Schenkel ist unerträglich. Aber dann sehe ich mich auf der Couch wie ein Loser, der die Chance verpasst, endlich live zu praktizieren, was er an Filmen wie „Hero” liebt – die Überwindung aller Grenzen. Ich wollte schon immer mal die Wände hoch. Ju Jitsu bringt dich in Startposition. Es öffnet deine Matrix. Es knackt den muskulären Code, um die Basis für ganz neue Aktionsradien zu schaffen. Das Gleiche passiert auch im Kopf. In dem Fall ist es der Psycho-Code: alte Muster oder völlig neue Moves. Neu ist für mich, dass ich einfach weiter trainieren gehe. Schon die Entscheidung hat alles Leiden relativiert. Mind over matter? Ich würde sagen, an dieser Stelle kommt der Geist des Kriegers ins Spiel. Und es gefällt mir. Der Tiger hat Blut geleckt.
Lotus und Schwert, Tiger & Dragon. Nun beginnt eine neue Ära: Eine sehr freie Geisteshaltung. Buddha pur. Alltagstaugliche Selbstverteidigungstechniken, keine Riten, Ladies welcome und was Ju Jitsu so wirkungsvoll macht, ist die spontane, Freisetzung ultimativer Energie: Chi. „Mehr Chi! Lasst den Geist die Übungen machen - und nicht den Körper“, sagt der Meister immer wieder. Plötzlich begreife ich, was er meint: Man kann jede Bewegung auf zwei Arten vollziehen - mit und ohne Entschlossenheit. Hier entscheidet sich, ob kosmische Power zum Einsatz kommt, oder nur einfach Körpermechanik. Ein Beispiel - die Faust des Kriegers: Fahren Sie bitte mal Ihre Faust aus. Schnell. Bis der Arm auf Schulterhöhe gestreckt ist. Ideal, wenn Sie dabei stehen. Faust zurück - an die Hüfte. Jetzt versuchen Sie bewusst, diese Bewegung bei Speed und Energie zu toppen. Voller Fokus. - Zack. Sie merken den Unterschied. Das war bereits die Inbetriebnahme von Quantenpotential. Wer jetzt noch realisiert, dass es darin keine Grenzen gibt, kann auch Ziegel durchschlagen wie die Kampfmönche. Chi hat noch eine interessante Eigenschaft: Es verpufft nicht nach dem Move, sondern speist sich in das eigene Energiefeld wieder ein. Über Meridiane. Dieser Loop hat Folgen. Ab dem zweiten Trainingsmonat brauche ich zu Hause keine Heizung mehr. Ich schwöre, sogar Teigwaren kochen schneller, wenn ich in der Nähe bin. Und die Frauen, die schmelzen auch (leider oft nur) dahin.
Fightclub! Kampfsport wirkt. Dein Körper wird knackig wie der Apfel aus der Zahnpastawerbung. Was geht psychologisch ab? Ganz klar: Raus aus der Defensive! Ein Mitglied im Fightclub geht anders durch die Straßen – wach und bestimmt. Deine Hände und Füße sind jederzeit bereit, den Luftraum zu erobern. Du tagträumst vom kleinen Straßenkampf mit einer halben Gang. Du wartest, dass jemand die Blondine belästigt in der U-Bahn. Du könntest die Leute beschützen im Supermarkt – denn das erlernte auch richtig einsetzen zu können gibt dir ein Gefühl von unbesiegbarkeit. Diese Phase dauerte allerdings nur drei Wochen, dann wurde ich realistisch – aber echtes Selbstbewusstsein kam auf. Präsenz statt animierte Coolness. Da war ein Meeting, ich erinnere mich genau: Ich habe wenig geredet, aber dafür im richtigen Moment. Früher war das anders. Auch der Blues hat sich verdünnt. TV-Konsum gegen null. Du überlegst nicht mehr, wie du den Abend biegst. Du bist – und davon braucht es keine Ablenkung. Nichts ist der Lärm einer Bar gegen den Moment, aus der Form in den Raum zu pulsieren. Es war kein Film, der den Geist des Kampfsports nun zum Kult erhob, das war ich selbst.
Amitabha. Das wichtigste Wort im Bushido. Es bedeutet: Respekt vor dem Leben. Kein Zweifel nach sechs Monaten Training tief im Bewusstsein etabliert. Auch deshalb mache ich weiter.
Ein Tipp: Sollten Sie je daran denken, Kampfsport zu treiben, fangen Sie nicht sofort an zu dehnen. Und nicht vergessen: Der wahre Weg beginnt im Geist.
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